Agiles Controlling

Der Patientenpfad im Fokus

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  • Management
  • 29.04.2020
Ausgabe 2/2020

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Ausgabe 2/2020

Seite 158

Der Patientenpfad im Fokus

Agile Organisationen stellen sich nicht nur die Frage, wie sie etwas besser machen können, sondern fragen: Wovon sollten wir uns trennen? Was sollten wir nicht mehr tun? Prozessorientiertes Controlling der Patentenbehandlung kann die Basis für den Einstieg in eine systemisch geprägte Medizin sein. 

Ist es ein Erfolg, wenn in 18 Monaten 18 neue Gesetze erlassen werden, um den Wirkungsgrad im Gesundheitssystem zu mehr Qualität, Effizienz und Effektivität verbessern zu wollen? Die damit verbundene Bürokratie schadet der Gesundheitswirtschaft und somit dem Patienten. Sie macht es Organisationen im Gesundheitswesen unmöglich, agil arbeiten zu können. Gut gemeint ist nicht gut gemacht. Das belegen die Praxiserfahrungen nach Durchleiden unzähliger Reformbemühungen. Die Politik findet keine alternativen systemkompatiblen Lösungsansätze. Stattdessen reguliert sie eifrig weiter und etabliert eine Misstrauenskultur. Die Motivation ist ehrbar – die Methodik jedoch nicht.

Warum ist das so? Zu oft behandeln wir soziale Systeme wie Maschinen. Doch offene komplexe Systeme lassen sich nicht linear-kausal nach mathematischen oder naturwissenschaftlichen Gesetzen steuern. Zudem sind soziale Systeme fähig, sich selbst aus sich selbst hervorzubringen, sich zu erhalten, zu organisieren und fortzupflanzen. Aus der Organisationslehre wiederum ist bekannt, dass mit der Anzahl von Vorschriften und Regelungen die Effektivität und Effizienz sinken. Fredmund Malik widmet in seinen sieben Grundsätzen wirksamer Führung ein Kapitel über systematische Müllabfuhr. In jeder Organisation oder jedem System sollte ein Prozess des Ausmerzens von Altem, Überkommenem und Überflüssigem installiert werden.

Nicht mehr im eigenen Müll ersticken

Die Methode ist ebenso einfach wie die Idee selbst. Sie besteht darin, dass man regelmäßig die Frage stellt: Was von all dem, was wir tun, würden wir nicht mehr neu beginnen, wenn wir es nicht schon täten? Am besten wird die Bedeutung dieser Methode im Kontrast mit der üblichen Verhaltensweise von Menschen und Organisationen deutlich: Zu all dem, was man ohnehin schon tut, kommt jedes Jahr noch Neues hinzu – weil man modern und innovativ sein möchte, weil man Zeichen setzen und Verantwortung übernehmen will. Das ist aber der sicherste Weg, schließlich im eigenen Müll zu ersticken.

Richtig verstandenes Lean Management und Business Process Redesign bedeuten nicht: Wie können wir alles, was wir heute machen, besser, billiger, sparsamer und schneller machen? Etwas um 50 Prozent schneller oder sparsamer zu machen, ist zwar ein großer Fortschritt; es ist aber noch immer 100-prozentig falsch, wenn es sich um etwas handelt, das man überhaupt nicht mehr tun sollte. Agile Organisationen drehen dieses Verhalten bewusst und systematisch um und stellen sich die Frage: Wovon sollten wir uns trennen? Was sollten wir nicht mehr tun?

In einer Vielzahl von Büchern aus der Controllingliteratur wird die Abkehr von linear-kausalem Denken hin zu einer systemischen, ganzheitlichen Arbeitsweise beschrieben. Empfohlen wird ein ganzheitliches Denken in Wirkungsnetzen, lösungsorientiert und systemisch statt linear kausal. Daher können Controller wichtige Beiträge für die Entwicklung neuer Lösungsansätze liefern – und ein prozessorientiertes Controlling der Patentenbehandlung kann die Basis für den Einstieg in eine systemisch geprägte Medizin sein.

Capios Modern Medicine Agenda

Am Beispiel der Clinical Pathway Input (CPI) aus der „Capio Modern Medicine Group Agenda“ wird im Folgenden gezeigt, wie der Konzern sie einsetzt, um die Behandlungsqualität zu steigern und die Produktivität zu erhöhen. Die Verbesserung des wirtschaftlichen Nutzens ist eine daraus folgende logische Konsequenz.

Ziel von Capio ist es, in interdisziplinär abgestimmten Prozessen weitestgehend standardisiert zu arbeiten und mit Checklisten (CPI) im Alltag eine hohe Qualität und Effizienz zu erreichen. Dies steht und fällt mit der Akzeptanz durch die leitenden Ärzte und deren konsequente Umsetzung im klinischen Alltag. Bei der Standardisierung berücksichtigt Capio auch die Verschiedenheiten der Gesundheitssysteme der Länder, in denen das Unternehmen tätig ist.

Übergeordnete Vergleichskennziffer sind

  • die Zufriedenheit der Patienten,
  • die Verfügbarkeit der Leistung,
  • die Patientensicherheit,
  • die medizinische Qualität und
  • die Produktivität.

Zudem soll verstanden werden, was und wie die Kollegen beziehungsweise Mitarbeiter arbeiten und sie befähigen, die richtigen Dinge zu tun sowie die Dinge richtig zu tun. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob jeder die „richtige“ Aufgabe übernimmt. Als Vergleichsmaßstab wird ein Best-Practice-Ansatz genutzt.

Dabei müssen die teilweise enormen Unterschiede in Bezug auf die Qualität und die Produktivität der Gesundheitsversorgung beachtet werden. So besteht beispielsweise ein starkes Kostengefälle zwischen den europäischen Ländern. Ursächlich hierfür sind die unterschiedlichen Vergütungssysteme, Gesetzesgrundlagen und Abweichungen in der Qualitäts- und Produktivitätsentwicklung. Ziel ist es, aus den unterschiedlichen Handlungsansätzen die Best-Practice zu erkennen und zu fördern.

Was möchten wir erreichen? Capios Mission ist es, Patienten, die in unseren medizinischen Einrichtungen Hilfe suchen, zu heilen, zu entlasten und zu trösten. Unsere Vision ist es, jedem Patienten die bestmögliche Lebensqualität zu bieten. Wie machen wir das? Die Kultur von Capio basiert auf unseren Grundwerten: Qualität, Mitgefühl und Fürsorge. Wir streben eine qualitativ hochwertige medizinische Versorgung über unsere vier Eckpfeiler an. Moderne Medizin, gute Informationen, freundliche Behandlung und schöne Umgebung sowie angemessene Ausrüstung. Um die vier Eckpfeiler zu verbessern und zu stärken, sind Mitarbeiter mit den richtigen Fähigkeiten sowie eine Kultur erforderlich, die kontinuierliche und systematische Verbesserungen fördert. Unsere methodische Herangehensweise an unsere Arbeit bedeutet, dass wir uns ständig weiterentwickeln. Die Qualität steigt mit besseren Behandlungsergebnissen. Qualität wiederum steigert die Produktivität. Dies erhöht den Nutzen für die Patienten und die Gesellschaft, da das Geld für eine gute medizinische Versorgung einer größeren Anzahl von Patienten ausgegeben werden kann.

Mit Standards besser werden

Wir adaptieren Erkenntnisse aus der Automobil- und Luftfahrtindustrie um die Kernprozesse für die Kunden zu optimieren. Viele Elemente des Toyota-Produktions-System können auf die Optimierung der Behandlungsprozesse übertragen werden. Schließlich gilt auch im Gesundheitswesen der Grundsatz von Taiichi Ohno: „Without standards, there can be no improvement.“

Mit Capio Modern Medicine ist die Entwicklung und Implementierung von Best-Practice basierend auf Evidenz, gemessen und gesteuert, gemeint. Kernstück ist die Entwicklung von anwendbaren, interdisziplinären Best-Practice- Methoden. Die größte Herausforderung bei der Etablierung der Behandlungsprozesse besteht darin, die Akzeptanz zu erreichen, um sie erfolgreich implementieren und steuern zu können. Dazu gehört die Etablierung eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses.

CPI ist ein Protokoll, eine standardisierte Checkliste (Abbildung 1).

Sie besteht aus bewährten Best-Practice-Methoden oder positive datenbasierten Erfahrungen. Die Ergänzung „Input“, soll daran erinnern, dass aktiv gehandelt werden muss – und das jeden Tag auf Neue. Am Durchlauf des Patienten wird beschrieben, wer, was, wo, wann, wie, warum, wie lange zu welchen Kosten getan hat.

Aus der Ist-Aufnahme der Prozesse werden Optimierungsmaßnahmen definiert. Beispielsweise hat Capio punktuell ein Selbstbuchungssystem für Patiententermine eingeführt, eine Plattform zur Selbstregistrierung der Patienten, eine Veränderung der Aufgabenzuordnung von examinierten Krankenschwestern auf Krankenpflegehelfer oder Prozessschritte automatisiert und vieles andere mehr.

Ärzte und Pflegekräfte sollen Zeit sparen und Routineprozesse automatisieren, um Fehlerquellen zu minimieren oder auszuschließen. Zur Steuerung werden strukturierte Dokumente verwendet und verschiedene CPI gleicher Diagnosen miteinander verglichen. Daraus wird ein Best-Practice-Pfad definiert. In einer weiteren Stufe der CPI-Entwicklung werden „time-driven activity-based costing“ (TDABC) hinterlegt (Abbildung 2).

Systemische Behandlungsmedizin

Die Implementierung der interdisziplinär entwickelten Behandlungspfade mit der damit verbundenen system- und sektorenübergreifenden Zusammenführung aller Informationen stellt einen „single point of truth“ dar. Er dient als Grundlage für schnelle, effiziente und effektive Entscheidungsfindungen. Durch den integrativen Ansatz wird ein zusammenführendes Element geschaffen, das als Grundlage für die Einführung einer „Systemischen Behandlungsmedizin“ dient.

Der Begriff der systemischen Behandlung ist aus der systemischen Therapie bekannt. Er bezeichnet die ganzheitliche Behandlung des Menschen zur Bekämpfung einer Erkrankung. Dieses Konzept berücksichtigt die Tatsache, dass Menschen niemals vollkommen isoliert aufwachsen und dass es Wechselwirkungen gibt, welche die Entwicklung und psychische und physische Gesundheit des Betreffenden beeinflussen.

Die Medizin ist dazu angehalten, den Anschluss an die Entwicklung der Naturwissenschaften zu finden. Eine systemisch orientierte Medizin wird den Menschen als ein komplexes, sich selbst regulierendes biologisches System betrachten, das in Beziehung zu wechselnden Lebensbedingungen steht. 

Chronische Erkrankungen sind mit Diagnose- und Therapiemethoden, die in der Akutmedizin bewährt sind, kaum beherrschbar. Dies ist einer der Hauptgründe dafür, dass die medizinische Versorgung in der Krise steckt. Physik, Chemie und Biologie gründen längst auf einem systemischen Konzept. Sie wird in ihr Konzept nicht nur die Therapie, sondern auch die Gesundheitsbildung und die Prävention mit einbeziehen. Ziel ist ein Behandlungskonzept, welches systemisch begründet für eine Neuausrichtung der Medizin stehen kann.

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