Covid-19-Folgen für Landesbasisfallwerte

Die Krise drückt die Preise

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  • 01.10.2020
Ausgabe 10/2020

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Ausgabe 10/2020

Seite 912

Die Krise drückt die Preise

Covid-19 und die drohende Rezession der Wirtschaft können erhebliche Auswirkungen auf die Landesbasisfallwerte und die Krankenhausfinanzierung ab dem Jahr 2021 haben, wie ein Vergleich mit der Finanzkrise 2008 zeigt.

In den vergangenen Jahren sind die Landesbasisfallwerte und der Bundesbasisfallwert, gekoppelt an die gute wirtschaftliche Entwicklung, begleitet durch den Anstieg der Zahl der sozialversicherungspflichtigen Erwerbstätigen in Deutschland, durchschnittlich stetig zwischen zwei bis drei Prozent gestiegen. Im Jahr 2020 stieg der Bundesbasisfallwert sogar um 3,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Diese Entwicklung hatte für die deutschen Krankenhäuser eine erheblich positive Auswirkung auf die DRG-Finanzierung und war ein Planungsgarant für viele Einrichtungen in den vergangenen Jahren. Dem gegenüber haben aber auch die Kosten erheblich zugenommen. Die meisten Krankenhäuser wurden durch gute Tarifabschlüsse und die Zunahme von sachkostenintensiven Leistungen mit begleitender Sachkostenabwertung im DRG-Katalog insgesamt stark belastet. Auf die oftmals fehlende Investitionsförderung der Länder soll an dieser Stelle nicht eingegangen werden. Nicht zuletzt hat trotz der positiven Landesbasisfallwertentwicklung der wirtschaftliche Druck in den vergangenen Jahren in den Krankenhäusern quer durch alle Versorgungsstufen erkennbar zugenommen.

Die schnelle Ausbreitung des Covid-19-Virus und die Auswirkungen auf unser Leben und alle Wirtschaftsbereiche hat eine derartige Dimension angenommen, dass auch die bisherige positive Entwicklung der Landesbasisfallwerte ins Stocken geraten könnte. Die Folgen sind in ihrer Gesamtheit noch nicht abzusehen. Doch eines steht bereits fest: Auch Deutschland steht vor sehr schwierigen wirtschaftlichen Zeiten, die trotz aller Anstrengung der Politik, in einen wirtschaftlichen Abschwung und eine Rezession führen wird, die die Finanzkrise des Jahres 2008/2009 bei Weitem übertrifft. Durch den Anstieg der Kurzarbeit und der Arbeitslosenzahlen werden die Einnahmen der gesetzlichen Krankenversicherung in den folgenden Jahren sinken und so erheblich zu einer Verringerung der gewohnten Steigerung der Landesbasisfallwerte beitragen.

Einnahmeseite der GKV wird wichtiger

Für die Berechnung der Landesbasisfallwerte und des Bundesbasisfallwertes wird gemäß § 9 Abs. 1 b Satz 1 Krankenhausentgeltgesetz (KHEntgG) bis zum 31. Oktober eines Jahres der Veränderungswert als maximale Erhöhungsrate ermittelt. In den Jahren 2005 bis 2009 wurden die krankenhausindividuellen Basisfallwerte an die Landesbasisfallwerte herangeführt. Derzeit erfolgt eine Konvergenzphase der Landesbasisfallwerte an den Bundesbasisfallwert bis voraussichtlich zum Jahre 2021. Bis zum Jahr 2012 war der Veränderungswert an die Entwicklung der Beitragseinnahmen der gesetzlichen Krankenversicherung gekoppelt. Ab dem Jahr 2013 wurde der Orientierungswert als weitere Größe zur Berechnung des Landesbasisfallwerts eingeführt. Der gewichtete Orientierungswert ermittelt für die Teilbereiche Personal und Sachkosten die jährliche prozentuale Änderung, die ausschließlich auf Preis- oder Verdienständerungen zurückzuführen ist. Nicht enthalten sind Produktivitäts- und Portfolioänderungen in den Krankenhäusern. Daher ist der Orientierungswert in der jetzigen Berechnung nicht in der Lage, die tatsächliche Kostensteigerung in den Krankenhäusern abzubilden. Die Abbildung zeigt die Entwicklung des Veränderungswertes 2005 bis 2020. Dabei wird der immer deutlich unterhalb der Veränderungsrate liegende Orientierungswert ersichtlich. Liegt der Orientierungswert unter der Veränderungsrate, so ist diese automatisch der Veränderungswert.

Die Veränderungsrate und somit die Entwicklung der Einnahmenseite der gesetzlichen Krankenversicherung nimmt eine bedeutende Rolle bei der zukünftigen Berechnung der Landesbasisfallwerte beziehungsweise des Bundesbasisfallwerts ein. Die Grundlohnsumme je Mitglied hängt hauptsächlich von der Entwicklung der Bruttolöhne und Änderung der Beitragsbemessungsgrenze ab.

Werfen wir einen Blick zurück zur Finanzkrise im Jahr 2008. Die Arbeitslosenzahlen stiegen von 2008 auf 2009 um circa 250.000 Arbeitslose an, bevor sie im Jahr 2010 wieder das Niveau des Jahres 2008 erreichte. Die Finanzkrise 2008/2009 führte also nur zu einem kurzen und moderaten Anstieg der Arbeitslosigkeit. Auch die Tarifabschlüsse für die Jahre 2009 und 2010 waren von Zurückhaltung geprägt und dienten in erster Linie der Sicherung von Arbeitsplätzen (durchschnittlich ein bis zwei Prozent). Daher reduzierten sich die Bruttolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer 2009 um 0,4 Prozent, und die Grundlohnsumme je Mitglied stieg 2009 um lediglich 0,6 Prozent. Der positive Anstieg wird durch die Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenze um 2,1 Prozent und des damit verbundenen höheren beitragspflichtigen Einkommens für die gesetzliche Krankenversicherung erklärt. Das Bruttoinlandsprodukt sank 2009 preisbereinigt um 5,7 Prozent.

Basis für die Ermittlung der Veränderungsrate für das folgende Jahr ist der Vergleich der beitragspflichtigen Einnahmen der gesetzlichen Krankenversicherung des zweiten Halbjahres des Vorjahres und das erste Halbjahr des aktuellen Jahres zu dem entsprechenden Vorjahreszeitraum. Die Auswirkungen auf den Landesbasisfallwert wurden bereits 2010 (Veränderungsrate berechnet aus zweitem Halbjahr 2008, erstem Halbjahr 2009) und in ganzer Härte 2011 (Veränderungsrate berechnet aus zweitem Halbjahr 2009, erstem Halbjahr 2010) spürbar. Die Landesbasisfallwerte stiegen 2010 in den meisten Bundesländern lediglich zwischen ein bis zwei Prozent. 2011 stagnierten sie. In Niedersachsen und im Saarland reduzierten sich die Landesbasisfallwerte 2011 zum Vorjahr sogar.

Mögliche Auswirkung der Covid-19-Pandemie

Welche Rückschlüsse können wir nun aus der Finanzkrise 2008 zu der heutigen Covid-19-Pandemie und ihren Auswirkungen auf die Erlöse der Krankenhäuser für die Jahre 2021 und 2022 ziehen? Die für die Veränderungsrate wichtigen Komponenten haben sich alle bis August 2020 negativ entwickelt und führen damit zu einem erheblichen Rückgang der beitragspflichtigen Einnahmen der gesetzlichen Krankenver- sicherung:

  • Anstieg der Arbeitslosigkeit
  • Anstieg der Anzahl der Kurzarbeiter
  • Rückgang des Bruttoinlandsprodukts
 

1. Anstieg der Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosenquote ist im August 2020 auf 6,4 Prozent gestiegen. Im bisherigen Jahresdurchschnitt 2020 liegt die Arbeitslosenquote bei 5,8 Prozent. Das sind 0,8 Prozent mehr als im Jahresdurchschnitt 2019. Im Jahresverlauf wird die Arbeitslosenzahl tendenziell weiter steigen.

2. Historischer Anstieg der Anzahl der Kurzarbeiter

Laut Berechnungen des ifo-Instituts waren im Mai 2020 durch die Covid-19-Krise 7,3 Millionen Personen in Kurzarbeit. Die Anzahl der Kurzarbeiter sank von da an kontinuierlich bis August auf 4,6 Millionen. Diese Größenordnungen sind seit der Wiedervereinigung nie erreicht worden. 1991 waren nach dem Zusammenbruch der Wirtschaft in der ehemaligen DDR „nur“ 1,76 Millionen Kurzarbeiter, und in der Finanzkrise 2008/2009 sind 1,14 Millionen Kurzarbeiter im Jahresdurchschnitt 2009 gemeldet gewesen. Das verdeutlicht nochmals das historische Ausmaß der wirtschaftlichen Folgen der Covid-19-Krise.

3. Rückgang des Bruttoinlandsprodukts

Das ifo-Institut erwartet einen Rückgang des realen Bruttoinlandsprodukts aufgrund der Covid-19-Krise im Jahr 2020 um 6,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr (Stand 2. September 2020). Auch dies ist ein historischer Wert, der auch in der Finanzkrise 2009 bei Weitem nicht erreicht wurde (-5,7 Prozent).

Diese drei Einflussfaktoren führen alle zu einer erheblichen Verminderung der durchschnittlichen Bruttolöhne und -gehälter 2020 und damit zu einer geringeren Veränderungsrate 2021/2022, die für die Berechnung der Erhöhung der Landesbasisfallwerte/des Bundesbasisfallwerts maßgebend ist.

Je nach Dauer der wirtschaftlichen Beschränkungen wird es ähnlich wie bei der Finanzkrise 2008/2009 zu erheblichen negativen Auswirkungen auf die Entwicklung der Landes- beziehungsweise des Bundesbasisfallwertes kommen. Mit der Überwindung der Covid-19-Krise in den Jahren 2020/2021 sind ab dem Jahr 2022 stagnierende oder sogar rückläufige Landesbasisfallwerte nicht ausgeschlossen. Genaue Ergebnisse können erst nach der Normalisierung des Lebens und der Wirtschaft ermittelt werden. Erstmals könnte nun der Orientierungswert höher als die Veränderungsrate sein. Wie sich die Preissteigerungen bestimmter Artikel durch die Covid-19-Krise auf die gesamte Preisveränderung der Krankenhaussachkosten auswirkt, kann nur schwierig vorhergesagt werden. Aber auch in diesem Fall wird der Orientierungswert nicht voll angesetzt. Gemäß § 9 Abs. 1 Nummer 5 Bundespflegesatzverordnung (BPflV) werden von lediglich 40 Prozent der Differenz zur Veränderungsrate dem Veränderungswert zugeschlagen. Für die Krankenhäuser bedeutet dies eine zusätzliche schwere Belastung, da im Jahr 2021 auch die volle Wirkung des MDK-Reformgesetzes und das Wiedereinsetzen des Fixkostendegressionsabschlages zum Tragen kommen und die Kliniken damit in eine strukturierte Finanzierungsfalle laufen. Alle Sachverhalte haben unmittelbare Auswirkung auf die Liquidität und verschärfen die wirtschaftliche Situation abermals.

Stresstest: Landesbasisfallwerte

Die Auswirkungen möglicher Veränderungen der Landesbasisfallwerte auf den Krankenhausmarkt können Sie in der interaktiven Anwendung des Klinik-Stresstest simulieren: https://mediqon.de/strategien-fuer-die-zukunft/

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