Psychiatrie-Barometer

Situation der Psychiatrien bleibt angespannt

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Situation der Psychiatrien bleibt angespannt
© getty Images/Lidiia Moor

Die Mehrheit der psychiatrischen und psychosomatischen Einrichtungen schätzt ihre wirtschaftliche Situation kritisch ein. Ein Drittel der Häuser erwartet für 2022 eine weitere Verschlechterung. Nur 13 Prozent der Einrichtungs- und 21 Prozent der Stationspsychiatrien beurteilen ihre wirtschaftliche Lage als gut, 44 beziehungsweise 38 Prozent als unbefriedigend und 35 beziehungsweise 48 Prozent ziehen eine gemischte Bilanz, wie aus dem aktuellen Psychiatrie-Barometer des Deutschen Krankenhausinstituts hervorgeht. 

"Die psychiatrischen Kliniken waren während der Pandemiejahre weitgehend nicht unter dem Corona-Rettungsschirm. Das allein hat ihnen schon wirtschaftlich zugesetzt. Mit den aktuellen extremen Preissteigerungen stehen die Psychiatrien vor weiteren großen Problemen, da sie ihre Zusatzkosten nicht einfach weitergeben können. Die Politik muss hier umgehend handeln und den gerade nach Lockdowns und Kontaktbeschränkungen dringend benötigten psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken wirtschaftliche Sicherheit geben, kurzfristig vor allem in Form eines Inflationsausgleichs", erklärt der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Dr. Gerald Gaß. 

Hoher Dokumentationsaufwand

Viele psychiatrische und psychosomatische Kliniken sehen auch die Personalausstattung Psychiatrie und Psychosomatik-Richtlinie (PPP-RL) kritisch, die Mindestvorgaben des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) für das erforderliche therapeutische Personal festlegt. In den ersten drei Quartalen 2021 konnten in keiner Berufsgruppe die Mindestvorgaben der Richtlinie eingehalten werden, lediglich bei den Ärzten sowie den Psychologen waren die Vorgaben mit 58 beziehungsweise 71 Prozent in mehr als der Hälfte der Krankenhäuser in jedem Quartal erfüllt. Die Vorgaben in der Pflege und bei den Spezialtherapeuten konnten nur 36 beziehungsweise 40 Prozent der Häuser erfüllen. Haupthindernisse bei der Umsetzung der PPP-RL sind Stellenbesetzungsprobleme (96 Prozent) und unzureichende Flexibilität in der Personalsteuerung durch die starren Anrechnungsregeln von Fach- und Hilfskräften auf die Mindestvorgaben. Hinzu kommt der gestiegene Aufwand in der Personalsteuerung, der Datenbeschaffung und der Dokumentation. In der Dokumentation liegt der Aufwand im Durchschnitt bei rund 17 Stunden pro Krankenhaus und Woche. "Die Richtlinie muss grundsätzlich überarbeitet werden. Die Mindestvorgaben müssen sich am Bedarf der Patientinnen und Patienten orientieren und ausreichend flexibel sein", mahnt Gaß. Wirtschaftlich bedingte Schließungen und Kapazitätseinschränkungen könne man sich in der Psychiatrie nicht leisten. Der Personalmangel in der Psychiatrie müsse wie im gesamten Krankenhausbetrieb grundsätzlich angegangen werden. 

Hohe Nachfrage von KHZG-Fördergeldern

Ein weiterer Schwerpunkt im Barometer ist die Digitalisierung in der Psychiatrie. Verglichen mit anderen Industrieländern ging die Digitalisierung des Gesundheitswesens in Deutschland nur schleppend voran. Abhilfe schafft das Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG). Im Krankenhauszukunftsfonds (KHZF) werden rund 4,3 Milliarden Euro für die Förderung notwendiger Investitionen in die Digitalisierung und IT-Sicherheit bereitgestellt. Auch im Bereich der Psychiatrie ist die Nachfrage sehr hoch. Mit 91 Prozent gab nahezu jede der teilnehmenden psychiatrischen/psychosomatischen Einrichtungen an, dem zuständigen Bundesland mindestens eine Bedarfsanmeldung für Fördertatbestände nach § 14a Abs. 4 KHG übermittelt zu haben. Das Psychiatrie Barometer fragt auch den Status quo der Digitalisierung ab: So gaben 82 Prozent der teilnehmenden Einrichtungen an, bereits beziehungsweise bis zum Stichtag am 31. Dezember an die Telematikinfrastruktur (TI) angebunden zu sein. Die TI ist die zentrale Plattform der gematik für digitale Anwendungen, wie der elektronsichen Patientenakte (ePA) oder dem elektronischen Rezept (e-Rezept). Zum Befragungszeitpunkt bestätigten jedoch weniger als die Hälfte (40 Prozent) der teilnehmenden Psychiatrien, die ePA in ihrer Einrichtung bereits zu nutzen. Die dafür erforderlichen technischen Komponenten lagen allerdings auch erst bei 62 Prozent vor. Schwierigkeiten bei der Einrichtung oder Nutzung der TI in den Psychiatrien gab es vor allem in Form von Verzögerungen, die durch noch nicht angepasste Funktionalitäten im KIS durch die KIS-Hersteller bedingt waren, 72 Prozent der befragten Einrichtungen gaben an, mit diesem Problem ziemlich (41 Prozent) oder sehr (31 Prozent) konfrontiert gewesen zu sein. 

Durch die Digitalisierung soll auch die unmittelbare Patientenversorgung verbessert werden. Dazu gaben 59 Prozent der teilnehmenden Einrichtungen an, zum Befragungszeitpunkt über eine durchgehende, strukturierte elektronische Dokumentation von Pflege- und Behandlungsleistungen zu verfügen. 54 Prozent nutzen krankenhausintern digitale Prozesse zur Anforderung von Leistungen. Etwa jede vierte Einrichtung gab an, ein durchgehende digitales Medikationsmanagement zu nutzen. 

Hoher Ambulantisierungsbedarf

Die Digitalisierung spielt auch in der Patientenbehandlung selbst eine Rolle. So werden in einem Großteil der psychiatrischen/psychosomatischen Einrichtungen Videosprechstunden zur ambulanten Behandlung eingesetzt. 53 Prozent der Abteilungspsychiatrien und 64 Prozent der Einrichtungspsychiatrien nutzen die Videosprechstunde seit der Coronapandemie, nur wenige (2 beziehugnsweise 7 Prozent) boten die Möglichkeit schon vorher an. Durchschnittlich 12 Prozent der Einrichtungen planen die Einführung der Videosprechstunde. Für 98 Prozent der teilnehmenden Einrichtungen ist die ambulante Videobehandlung eine sinnvolle Ergänzung zur Therapie in Präsenz. Die Eingangsdiagnostik, Indikationsstellung und Aufklärung sollte jedoch vor der ambulanten Videobehandlung mit einem persönlichen Erstkontakt stattfinden, meinen 90 Prozent der Häuser. 

Insgesamt sollten die ambulanten Potenziale der Kliniken besser genutzt werden. 72 Prozent der psychiatrischen und psychosomatischen Einrichtungen sehen einen hohen oder sogar sehr hohen Bedarf für den Ausbau der ambulanten Leistungen. Die Ambulantisierung in diesem Bereich bringt jedoch einige Herausforderungen mit sich: 90 Prozent der teilnehmenden Einrichtungen berichten von einer unzureichenden Abbildung krankenhausspezifischer Kosten in der Vergütung ambulanter Leistungen, 98 Prozent sind der Ansicht, dass fehlende Kapazitäten in der vertragsärztlichen- und psychotherapeutischen Versorgung den Übergang stationärer Patienten in eine krankenhausnahe Anschlussversorgung erschweren. Dass das ambulante Potenzial der Kliniken unter den gegebenen Bedingungen nicht vollständig ausgeschöpft werden könne, vermuten 90 Prozent der Einrichtungen. 

Die Ergebnisse des Barometers beruhen auf einer Befragung in den psychiatrischen und psychosomatischen Fachkrankenhäusern sowie den Allgemeinkrankenhäusern mit psychiatrischen/psychosomatischen Fachabteilungen. Insgesamt beteiligten sich 368 Einrichtungen, die Befragung lief von Ende Oktober 2021 bis Ende Januar 2022. 

Zum Psychiatrie Barometer 2021/2022.

 

Autor

 Luisa-Maria Hollmig

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