Orientierungswert

Wie ein Primärarztsystem zum Fliegen kommt

  • Finanzierung
Andreas Beivers
Andreas Beivers © Regina Sablotny

Ein Primärarztsystem braucht Anreize und spürbare Vorteile für Patienten. Unser Autor schlägt deshalb vor, den gesetzlichen Rahmen für Bonusprogramme zügig zu erweitern.

Die Einführung eines Primärarztsystems gilt derzeit als zentrales Instrument, um das Nachfrageverhalten im deutschen Gesundheitssystem effizienter zu steuern und so Überlastung, Fehlsteuerungen und Ineffizienzen zu reduzieren. Der Ansatz ist grundsätzlich richtig, greift aus gesundheitsökonomischer Sicht jedoch zu kurz. Wer glaubt, Patientensteuerung lasse sich allein durch eine verpflichtende Hausarztbindung erreichen, verkennt die Realität des Versorgungsgeschehens. Ein nachhaltiges Steuerungsmodell muss systemisch gedacht werden und die Erkenntnisse der Verhaltensökonomie konsequent einbeziehen.

Patient:innen handeln selten rein rational. Zeitdruck, Unsicherheit, Bequemlichkeit und Angst prägen Entscheidungen oft stärker als formale Versorgungslogiken. Wer Beschwerden hat, sucht den schnellsten und vermeintlich sichersten Weg – häufig die Notaufnahme oder den Facharzt mit freiem Termin.

Ein Primärarztsystem, das vor allem auf Verpflichtung und Zugangsbeschränkung setzt, riskiert daher erhebliche Akzeptanzprobleme. Internationale Erfahrungen zeigen: Steuerung funktioniert nur, wenn sie einfach, verlässlich und für die Patienten spürbar vorteilhaft ist. Länder wie die Niederlande oder Dänemark zeigen, dass Primärarztsysteme dann erfolgreich sind, wenn sie mit guter Erreichbarkeit, digitaler Ersteinschätzung und klarer Orientierung verbunden werden. Statt allein auf Regeln zu setzen, sollte Patientensteuerung so gestaltet sein, dass das gewünschte Verhalten der naheliegendste Weg ist.

Zentrale verhaltensökonomische Prinzipien sind dabei sogenannte Default-Lösungen: Der empfohlene Versorgungspfad ist zugleich der einfachste. Hinzu kommen positive Anreize wie Belohnungen, die nachweislich nachhaltiger wirken als Sanktionen. Ebenfalls entscheidend ist der unmittelbare Nutzen, da Patientinnen und Patienten stärker auf kurzfristige Vorteile reagieren als auf abstrakte Systemziele. Sie entscheiden nicht entlang von Paragrafen, sondern entlang von Zugänglichkeit, Sicherheit und Geschwindigkeit.

Bonusprogramme als Steuerungsinstrument

Bonus- und Loyalitätsprogramme wie das Vielfliegerprogramm Miles & More der Lufthansa zeigen seit Jahren, wie individuelles Verhalten effektiv und akzeptiert gesteuert werden kann – ohne Zwang, aber mit klaren Anreizen. Warum sind solche Programme interessant und auf das Gesundheitswesen übertragbar?

Zunächst das grundlegende Prinzip: Ähnlich wie im Flugverkehr sitzen alle Passagiere – mit und ohne Status – in derselben Maschine und erhalten die gleiche Kernleistung. Alle kommen gleichberechtigt am selben Ziel an. So muss es auch im Gesundheitswesen sein: Zugang und Versorgungsqualität müssen für alle gleich sein. Die Qualitätsvorgaben für Piloten und Crew gelten schließlich ebenfalls für alle Passagiere – ohne Zwei-Klassen-System.

Das ist das Grundprinzip eines solidarischen Systems: Bei der Qualität der Behandlung darf es keine Unterschiede geben – auch nicht zwischen privat und gesetzlich Versicherten. Unterschiede können lediglich im Service bestehen. Im Flugverkehr regelt der Status, wer früher einsteigen darf, Zugang zur Lounge erhält oder welche Verpflegung angeboten wird. Der Status ergibt sich dort aus der Anzahl der Flüge und dem gezahlten Preis.

Im Gesundheitswesen liegt hier der entscheidende Unterschied: Der Status darf nicht von der Kaufkraft der Patient:innen abhängen, sondern vom Verhalten und der Compliance. Übertragbar sind jedoch die damit verbundenen Boni. Ein höherer, erworbener Status könnte mit bestimmten Zusatzleistungen verbunden sein – etwa schnellerem Zugang zu Terminen, einem Einzelbettzimmer, besserer Verpflegung oder vergleichbaren Serviceangeboten. Denkbar ist auch das Einlösen von „Gesundheitsmeilen“, beispielsweise für Sport- , Bewegungs- oder Ernährungskurse.

Ein gesundheitsbezogenes Bonusprogramm kann dazu beitragen, die koordinierte Inanspruchnahme von Leistungen zu fördern, Versorgungspfade transparenter zu machen und Prävention sowie Eigenverantwortung zu stärken. Gleichzeitig kann es die Akzeptanz eines Primärarztsystems deutlich erhöhen.

Ein solches Bonusprogramm sollte bundesweit einheitliche Leitplanken haben. Es könnte Belohnungen für koordinierte Versorgung vorsehen – etwa durch Punkte oder Boni für einen Erstkontakt über den Hausarzt oder qualifizierte Gesundheitsfachberufe, für die Nutzung standardisierter Ersteinschätzungen wie der 116 117 oder für die Teilnahme an strukturierten Versorgungspfaden.

Ergänzend sollte präventives Verhalten systematisch belohnt werden. Dazu zählen Anreize für Vorsorgeuntersuchungen, Disease-Management-Programme oder evidenzbasierte Präventionsangebote. Entscheidend sind jedoch einlösbare und spürbare Vorteile. Dazu gehören eine schnellere Terminvermittlung, reduzierte oder erlassene Zuzahlungen, zusätzliche Gesundheitsleistungen oder digitale Servicevorteile.

Um ein solches Modell umzusetzen, sind klare politische Entscheidungen erforderlich. Der gesetzliche Rahmen für Bonusprogramme sollte zügig erweitert werden, damit Krankenkassen ausdrücklich verhaltensökonomisch fundierte Bonus- und Loyalitätsprogramme zur Patientensteuerung einsetzen können – über die bisherigen Präventionsboni hinaus. Zugleich sollte Patientensteuerung als Bestandteil der Regelversorgung definiert werden.

Der Gemeinsame Bundesausschuss sollte verbindliche Standards für digitale Ersteinschätzung, Navigation und koordinierte Versorgung festlegen und diese angemessen vergüten. Die Steuerung muss multiprofessionell organisiert sein. Hausärztinnen und Hausärzte bleiben zentrale Akteure, dürfen jedoch nicht allein verantwortlich sein. Pflegefachpersonen, medizinische Fachangestellte, Telemedizin und regionale Versorgungszentren müssen systematisch eingebunden werden.
Entscheidend sind Transparenz und gute Kommunikation. Patient:innen müssen verstehen, welche Wege vorgesehen sind – und welchen persönlichen Nutzen sie davon haben. Steuerung ohne Erklärung untergräbt Vertrauen.

Vorbild erfolgreiche Loyalitätsmodelle

Ein Primärarztsystem kann nur dann erfolgreich sein, wenn es Teil eines intelligenten, anreizbasierten Steuerungssystems ist. Bonusprogramme nach dem Vorbild erfolgreicher Loyalitätsmodelle bieten die Chance, Patientensteuerung wirksam, akzeptiert und sozial ausgewogen zu gestalten. Patientensteuerung ist keine Frage von Disziplin, sondern von Systemdesign. Gesetzgeber und Selbstverwaltung sind nun gefordert, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Autor

Prof. Dr. Andreas Beivers

Abonnieren Sie unseren Newsletter

Mit unserem täglichen Newsletter informieren wir bereits rund 10.000 Empfänger über alle wichtigen Meldungen aus den Krankenhäusern und der Gesundheitsbranche

Kontakt zum Kundenservice

Rufen Sie an: 0 56 61 / 73 44-0
Mo - Fr 08:00 bis 17:00 Uhr

Senden Sie uns eine E-Mail:
info@bibliomedmanager.de

Häufige Fragen und Antworten finden Sie im Hilfe-Bereich