Trendscout

Cloud-Strategie ohne Bußgeld-Keule

  • Innovation
  • Technologie
  • 22.12.2022

f&w

Ausgabe 1/2023

Seite 86

In Michael Endes Kinderbuch Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer begegnen die beiden Protagonisten in der Wüste Herrn Tur Tur. Er ist ein Scheinriese. Je weiter er weg ist, desto größer wirkt er. „Sie meinen“, fragte Lukas, „Sie werden gar nicht wirklich kleiner, wenn Sie näherkommen? Sie sind auch nicht wirklich so riesengroß, wenn Sie weiter entfernt sind, sondern es sieht nur so aus?“ „Sehr richtig“, sagte Tur Tur, „daher bin ich nur ein Scheinriese“.

Wenig Transparenz über den Umgang mit Kundendaten

Vielleicht hatten die Datenschutzaufsichtsbehörden gerade Ende gelesen, als sie ihr Papier zu Microsoft 365 beschlossen haben. Die Konferenz der unabhängigen Datenschutzaufsichtsbehörden des Bundes und der Länder veröffentlichte am 24. November 2022 eine „Festlegung“ zu den Microsoft-Onlinediensten, die im Ergebnis bedeutet, dass Microsoft 365 auch nach Abschluss eines neuen Datenschutzabkommens zwischen EU und USA – inklusive der Datenspeicherung in der EU – nach wie vor nicht datenschutzkonform nutzbar sein soll. Vereinfacht zusammengefasst mangele es an Transparenz seitens Microsoft über den Umgang mit Kundendaten.

Die Behörden ignorieren dabei jede Lebensrealität, zumal die Cloud-Services bereits von vielen Unternehmen und Behörden genutzt werden. Gern wird ein solches Vorgehen seitens der Behörden als Handreichung gesehen, denn man könnte ja auch das härtere Mittel wählen und Bußgelder gegen Unternehmen einleiten, die Microsoft 365 nutzen. Doch man gibt sich lieber als Scheinriese und veröffentlicht solche Dokumente, die erziehen sollen, letztlich aber nur eine Meinung darstellen, der man durchaus ein akademisches und ideologisches Datenschutzverständnis unterstellen kann.

Ein Bußgeldverfahren hätte immerhin den Vorteil, dass man sich auf dem verwaltungsrechtlichen Wege dagegen wehren könnte. Das prominente Bußgeldverfahren von 1&1 hat gezeigt, dass sich dieses Vorgehen lohnen kann, denn so wurde vom Landgericht Bonn das von der Aufsichtsbehörde verhängte Bußgeld in Höhe von 9,55 Millionen Euro auf 900.000 Euro reduziert. Ein Schelm, wer unterstellt, die Behörden würden eine solche Schlappe bezüglich Microsoft 365 lieber vermeiden. Allerdings kann einzig eine gerichtliche Klärung Rechtssicherheit bringen.

Microsofts Cloud-Anwendungen verbreiten sich trotz Bußgelddrohung

Gegen eine andere Art von Scheinriesen kämpfte seinerzeit auch Don Quijote, als er gegen die Windmühlen in den Kampf zog. Dies ist vielleicht auch das passendere Bild bezüglich unserer teils idealistischen Aufsichtsbehörden, die sich krampfhaft gegen die Lebenswirklichkeit stemmen. Für die IT-Strategie von Unternehmen ist das eine Katastrophe, denn auch wenn man mit einiger Sicherheit davon ausgehen kann, dass die Verbreitung von Microsofts Cloud-Anwendungen auf diesem Wege nicht verhindert werden wird, ist es schwierig, eine Cloud-Strategie zu fahren, wenn seitens der Aufsichtsbehörden mit der Zig-Millionen-Euro-Bußgeld-Keule gewunken wird.

Ich würde mir von den Aufsichtsbehörden mehr echte Orientierung und weniger weltfremde Drohgebärden wünschen. Daher sollten sie sich weniger an dem tragischen Ritter aus Spanien und mehr an Tur Tur orientieren. Dieser reiste letztlich mit Jim Knopf ins Lummerland und wurde der lebendige Leuchtturm der berühmten Insel mit zwei Bergen. Dort übernahm er eine lebenswichtige Aufgabe: Er sorgte dafür, dass herannahende Schiffe nicht mehr die Insel rammten.

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