KI in der Psychotherapie? Was nach Widerspruch klingt, eröffnet neue Chancen, meint Mate Ivančić, CEO der Schön Kliniken: Richtig eingesetzt ergänzt KI die menschliche Arbeit – genau dort, wo Kapazitäten fehlen.
Psychotherapie und künstliche Intelligenz (KI) – für viele klingt das nach Stilbruch: Hier der intime Dialog, dort der algorithmische Code. Und doch ist klar: KI ist keine Konkurrenz zur Therapie, sondern ihr möglicher Verstärker, wenn wir sie klug einsetzen und klar begrenzen. KI kann dort helfen, wo der Mensch an Kapazitätsgrenzen stößt.
Chatbots und digitale Begleiter liefern niederschwellige Unterstützung, Psychoedukation, Stimmungstracking und erste CBT-Elemente rund um die Uhr; entweder als Brücke bis zur klassischen Therapie oder als Ergänzung im Alltag. Erste randomisierte Studien zeigen, dass solche Systeme bei leichten bis moderaten Symptomen depressive und ängstliche Beschwerden messbar reduzieren können.
Nutzencluster für den Einsatz von KI
Aus Versorgungssicht lassen sich drei Nutzencluster für den Einsatz von KI in der Psychotherapie erkennen.
1. eine Entlastung der Strukturen. So schaffen automatisierte Voraberhebungen, Verlaufsmonitoring und digitale Psychoedukation Raum für die „sprechende Medizin“.
2. eine bessere Zugänglichkeit. Denn niedrigschwellige, jederzeit verfügbare Angebote senken die Hemmschwelle, Hilfe zu suchen – insbesondere für Jüngere.
3. die Personalisierung. Die KI erkennt Muster in Symptomverläufen, schlägt Hausaufgaben vor, erinnert an Übungen und verlängert so die therapeutische Arbeit zwischen den Sitzungen.
Zugleich gilt es, die Kehrseite im Blick zu haben: KI ist verführerisch effizient. Wenn KI-Tools einmal gut funktionieren und deutlich günstiger sind als menschliche Therapie, entsteht schnell der Druck, sie als Standardlösung einzusetzen – vor allem dort, wo Geld, Personal und Therapieplätze fehlen. Chatbots sind kein vollwertiger Ersatz für Therapeuten; in Krisen bleibt die menschliche Behandlung überlegen. Unsensible Antworten können Betroffene zusätzlich stigmatisieren und genau jene verletzen, die sich öffnen.
KI als Assistenzsystem
Hinzu kommen klassische Risiken: Fehleinschätzungen bei Suizidalität, intransparente Trainingsdaten, Datenschutzprobleme bei hochsensiblen Inhalten. Wer KI in der Psychotherapie einsetzt, braucht klare Einsatzgrenzen, menschliche Supervision, robuste Governance und den Mut, im Zweifel den Stecker zu ziehen, statt sich hinter „der Technik“ zu verstecken. Ein Algorithmus kann keine Empathie empfinden und darf nie die letzte Instanz sein.
Unterm Strich: KI-Tools verbessern Zugänglichkeit, Effizienz und, richtig eingebettet, auch klinische Ergebnisse, vor allem bei häufigen Störungsbildern wie Depression und Angst. Der größte Effekt entsteht, wenn KI nicht Therapeutersatz, sondern Assistenzsystem im Rahmen eines hybriden, menschlich geführten Behandlungsmodells ist.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr, ob wir KI in der Psychotherapie einsetzen, sondern wie. Wer das aktiv gestaltet, kann Wartezeiten verkürzen, Personal entlasten und Patient:innen bessere Chancen auf Stabilisierung geben, ohne den Kern psychotherapeutischer Arbeit zu verraten: den geschützten, echten Dialog zwischen zwei Menschen.