Orientierungswert

Höchste Zeit für Bürokratiefasten 

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Bernadette Rümmelin
© Kath. Krankenhausverband/Kirsten Breustedt

Rümmelin fordert ein Umdenken: Kliniken müssen von überflüssiger Bürokratie befreit werden, damit Pflege und Medizin wieder mehr Zeit für Patienten haben. Die Fastenzeit sei dafür der ideale Zeitpunkt. 

Es ist Fastenzeit und jedes Jahr zu dieser Zeit werden neue Trends propagiert: Konsumfasten, Zuckerfasten, Social-Media-Fasten. Viele Menschen nutzen die Wochen zwischen Aschermittwoch und Ostern bewusst, um Ballast abzuwerfen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Eine gute Idee. 

Was im privaten Bereich immer mehr trendet, sollte sich die Politik genauso zu eigen machen und eines der dringendsten Fastenprojekte unserer Zeit endlich bewusst angehen. Es ist höchste Zeit für ein politisches Bürokratiefasten. Und zwar nicht nur bis Ostern, sondern dauerhaft! Vor allem im Gesundheitswesen, wo in den Krankenhäusern hochqualifizierte Fachkräfte mit Dokumentations- und Erfassungsaufgaben beschäftigt werden.

 41.000 Vollzeitkräfte allein für Dokumentations- und Nachweispflichten

Die Realität auf Station ist absurd: Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte verbringen im Schnitt rund drei Stunden pro Tag mit Bürokratie und Dokumentation. Zeit, die nicht bei den Patient:innen ankommt. In der Psychiatrie, der sprechenden Disziplin in der Medizin, zeigt sich ein besonders groteskes Bild: 35 Prozent der therapeutischen Arbeitszeit fließen in Dokumentation. Hochgerechnet werden über 41.000 Vollzeitkräfte allein für Dokumentations- und Nachweispflichten benötigt. In Zeiten von Fachkräftemangel ist das nicht nur ineffizient, es ist verantwortungslos.
 
Wer in die Teams hineinhört, spürt vor allem eines: Frust. Und dahinter oft Resignation. Viele Mitarbeitende berichten, dass sie Daten erfassen müssen, bei denen sie keinen Mehrwert für die Versorgung erkennen. Stattdessen gilt die Logik: Was nicht dokumentiert wurde, wurde nicht gemacht. Und sei es das angereichte Glas Wasser oder eine kurze Gesprächssequenz mit Angehörigen auf dem Flur. 

PPP-RL – eine weitere Belastung

Und währenddessen wird der Personaleinsatz nach Instrumenten bemessen, die häufig nicht zur Realität auf den Stationen passen. In der Somatik laufen mit PPR 2.0 und Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung (PpUGV) sogar zwei Systeme parallel – ein bürokratisches Doppelspiel, das Ressourcen bindet und Unsicherheit schafft. In der Psychiatrie ist die PPP-RL, die seit diesem Jahr auch noch mit Sanktionen unterlegt ist, ebenfalls eine enorme Belastung.
 
Für Zertifizierungen kommen in einer Klinik schnell bis zu 12.000 Handlungsanweisungen zusammen. Kaum jemand blickt da noch durch, doch bei jeder Zertifizierung wird danach gefragt. 
 
Besonders irritierend ist die Zersplitterung der Datenanforderungen. Häufig müssen Kliniken dieselben Informationen mehrfach liefern – nur unterschiedlich definiert und an unterschiedliche Stellen. 
 
Personalmeldungen für Ärztinnen und Ärzte gehen beispielsweise an das InEK, an das Statistikamt und an den Medizinischen Dienst. Eine zentrale Datendrehscheibe? Fehlanzeige. Gleichzeitig wurden in der Corona-Pandemie verkürzte Meldeintervalle einfach beibehalten, obwohl die Pandemie längst zu Ende ist. Statt Entlastung erleben Kliniken ein System, das in Kontrolle versinkt und eine Kontrolle der Kontrolle gleich mitliefert. Das ist Misstrauenskultur pur gegenüber den Klinikteams.

Qualität entsteht durch Zeit für Zuwendung

Unter dieser Überlastung leiden nicht nur die Teams, sondern auch die Patient:innen. An den Sektorengrenzen wird dies besonders deutlich: Im besten Fall müssen Daten erneut eingelesen werden. Im schlechteren Fall kommt es zu doppelten Untersuchungen, unnötig für Patient:innen und teuer für das System.
 
Kontrolle darf nicht Selbstzweck sein. Qualität entsteht nicht durch Formularberge, sondern durch gute Teams, verlässliche Strukturen und Zeit für Zuwendung. Den zahlreichen politischen Lippenbekenntnissen zur Entbürokratisierung müssen endlich Taten folgen. Die Bundesregierung hat zu bislang kaum mehr als verheißungsvolle Überschriften in Gesetzestiteln wie beispielsweise beim BEEP geliefert. 
 
Mehr noch: Mit den jüngsten Plänen der Koalition zur Anpassung der Krankenhausreform wird das Bürokratiemonster Vorhaltefinanzierung nun zunächst unverändert umgesetzt. Auch werden die Pflegepersonaluntergrenzen künftig mit den Leistungsgruppen verschränkt. Zudem soll der Bundes-Klinik-Altas trotz seiner unzureichenden Nutzerzahlen erhalten bleiben. Und damit auch die zusätzlichen Meldepflichten, die den Klinikteams dadurch abverlangt werden.

Bürokratieabbau stabilisiert Finanzen der gesetzlichen Krankenversicherung

Vorschläge zum konkreten Bürokratieabbau liegen längst vor, von der Deutschen Krankenhausgesellschaft ebenso wie von der BAG Psychiatrie. Allein die Vorschläge zur Psychiatrie könnten 18.000 Vollzeitkräfte freisetzen. Das wäre eine spürbare Entlastung für die Versorgung und zugleich ein Beitrag zur finanziellen Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherung.
 
Aschermittwoch erinnert uns daran, dass Verzicht sinnvoll sein kann, wenn er Raum schafft für das Wesentliche. Genau diesen Geist braucht auch die Krankenhauspolitik. Es ist Zeit, den Dokumentationswahn zu stoppen, Doppelstrukturen abzubauen und Digitalisierung konsequent nutzbar zu machen. Ein echtes Bürokratiefasten entlastet nicht nur Mitarbeitende, es kommt Patient:innen zugute und stärkt das System insgesamt.

Autor

 Bernadette Rümmelin

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