Digitalisierungsstrategie

Hehre Ziele

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  • 28.11.2022

f&w

Ausgabe 12/2022

Seite 1152

Das Bundesgesundheitsministerium will bis Frühjahr 2023 eine eHealth-Strategie auf die Beine stellen, um digitale Innovationen sinnvoll in die Gesundheitsversorgung zu integrieren. Ein ambitioniertes Vorhaben, wie der Digitalisierungsstand des Gesundheitssektors zeigt.

Hals über Kopf hat das Bundesgesundheitsministerium (BMG) zum Herbstanfang das Deutsche Elektronische Melde- und Informationssystem für den Infektionsschutz (DEMIS) zur Pflicht gemacht. Von heute auf morgen mussten Kliniken auf den neuen Pandemieradar – der das tägliche Melden der mit Corona infizierten Patienten in Krankenhäusern via Faxgerät ersetzen sollte – umstellen. Doch der neue Client war nicht ausgereift und überwiegend mit den Krankenhausinformationssystemen (KIS) nicht zu vereinheitlichen.

„Es wurde zu schnell versucht, etwas durchzudrücken, was nur aus der Einzelbetrachtung funktioniert“, erinnert sich Nils Dehne, Geschäftsführer der AKG-Kliniken. Es fehlte an Raum und Zeit für die Anwender, das Register in die vorhandenen KIS entsprechend der Informationssicherheit einzupassen. Eine Misere. Die Stimmung war in vielen Häusern am Boden, denn die Covid-19-Meldungen liefen jetzt teils doppelt und verursachten Mehrarbeit.

Seit dem 17. September müssen sie diese Defizite selbst ausgleichen. Neben der Pflege- und der Ärzteschaftmonierte auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) den Schnellschuss von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach. Trotz Unterstützung seitens der DKG wurde der Hinweis ignoriert, dass „eine solche Software für Krankenhäuser nicht nutzbar ist“, verdeutlicht Markus Holzbrecher-Morys, Leiter des Geschäftsbereichs Digitalisierung und eHealth der DKG.

Große Ambitionen für Digitalisierung

Noch kurz vor DEMIS am 7. September hatte der Minister unter großem Bohei in Berlin den Startschuss zur Erarbeitung einer „ambitionierten Digitalisierungsstrategie“ gegeben, die der Koalitionsvertrag der Ampel bereits angekündigt hatte. Beim Kick-off erläuterte Lauterbach, dass er nicht alles weiterverfolgen wolle, was sein Vorgänger Jens Spahn angestoßen habe. Oft seien es Architekturfehler in der Anfangsphase, die ein Projekt später schwer manövrierbar machten, so der Minister. Wichtig sei nun, Benefit zu erschaffen. Dafür soll in fünf Etappen (siehe Tabelle) bis Frühjahr eine eHealth-Strategie entwickelt werden.

„Strukturen und Systeme sind gut ausgeprägt, aber nicht ausreichend miteinander verbunden.“ Prof. Dr. Sylvia Thun, Leiterin des Konsortiums Digitalradar des BMG

Für einen partizipativen Prozess hat sich das BMG zahlreiche Vertreter des Gesundheitswesens in den letzten Monaten mit an den Tisch geholt und Befragungen sowie Workshops im großen Stil umgesetzt. Insgesamt acht Themenfelder hat das Ministerium zuvor identifiziert (siehe Abbildung) und dazu eine Menge Input gesammelt, um nun das Pferd von hinten aufzuzäumen, altbekannte Dauerbaustellen endlich zu beseitigen und funktionierenden Output zu erschaffen – so zumindest der Plan.

1.624 Kliniken – und somit 91 Prozent aller Plankrankenhäuser – haben am Digitalradar teilgenommen und ihren digitalen Reifegrad auf den Prüfstand gestellt. Inzwischen stehen die Ergebnisse der Erhebung fest. Sie seien vielschichtig, einige Bereiche seien kritisch, sagt Prof. Dr. Sylvia Thun, Leiterin des Konsortiums Digitalradar Krankenhaus, im f&w-Interview (10/2022).

Dass es nicht allzu gut um die Digitalisierung im Gesundheitswesen steht, ist nicht neu. Bereits 2018 erreichte Deutschland nur einen Digital-Health-Index von 30 und belegte damit in einer Studie der Bertelsmann Stiftung Platz 16 von 17. Rang 1 belegte Estland, auf 2 und 3 landeten Kanada und Dänemark. Zu ähnlichen Ergebnissen kam der Digitalradar, der den digitalen Reifegrad deutscher Krankenhäuser erfasst hat. Die Ergebnisse des Evaluationsmodells sind vielschichtig. Der Mittelwert liegt bei 33 Punkten (von 100).

„Grundsätzlich fehlt es vor allem an Interoperabilität und Patienteneinbeziehung“, urteilt Prof. Dr. Sylvia Thun, Leiterin des Konsortiums Digitalradar des BMG zu den Ergebnissen im September. „Strukturen und Systeme sind gut ausgeprägt, aber nicht ausreichend miteinander verbunden.“

Kaum Entlastung trotz Digitalisierung

Christine Vogler, Chefin des Deutschen Pflegerats (DPR), kritisierte beim Start der eHealth-Strategie, dass die Digitalisierung immer noch mehr Arbeit verursache, weil das analoge Dokumentieren nicht wegfalle. Der gewünschte Effekt sei noch nicht in der Pflege angekommen.

„Wir sind ein digitales Entwicklungsland." Marco Walker, Chief Operating Officer (COO) bei Asklepios

Demgegenüber äußert der Bundesverband Gesundheits-IT (BVITG), dass auch die Pflege in der Verantwortung sei, den Sprung in eine digitale Versorgung zu schaffen. „Die Pflege selbst muss gewillt sein, den nächsten Schritt zu gehen. Digitalisierung ist nicht immer mühelos und wird auch neue Probleme mit sich bringen, aber sie wird die Zukunft sein, vor der wir uns nicht verstecken können. Profitieren kann jeder, der einen Nutzen in der Digitalisierung sieht“, so der Verband. Wichtig sei, einzelne Projekte und Verfahren zu priorisieren. „Wir bewegen uns derzeit auf vielen verschiedenen Pfaden“, betont der BVITG.

Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG), DEMIS, eVerordnung, Identitätenmanagement, Informationssysteme im Krankenhaus und in der Pflege, elektronische Vorgangsübermittlungs-Vereinbarung (eVV), TI-Anbindung der Pflege – fast alle Maßnahmen sollen zum Jahr 2025 abgeschlossen sein. Doch auch die Systemhersteller haben derzeit große Probleme wie Personalmangel, gestiegene Rohstoffpreise und Inflation. „Bedauerlicherweise werden diese Probleme oft nur bei den Leistungserbringern – also Kliniken, Praxen, Pflege – gesehen. Die Industrie bleibt außen vor“, erklärt der BVITG.

Digitalisierung: Andere machen es vor

„Wir sind ein digitales Entwicklungsland“, urteilt Marco Walker, Chief Operating Officer (COO) bei Asklepios zur deutschen eHealth. Auf einer Skala von 1 bis 10 bewertet er sie mit einer 5.

Stefanie Kemp, Chief Transformation Officer (CTO) bei Sana, vergibt sogar nur drei Punkte und verweist auf andere Wettbewerber. „Wir brauchen nur über die Grenzen zu schauen, in die Niederlande, nach Belgien und Dänemark: Obwohl wir innerhalb der EU dieselben europäischen Rahmenbedingungen haben, machen uns diese Länder vor, wie Digitalisierung positiv dargestellt wird. Dort werden die Vorteile für jeden Einzelnen einfach und verständlich erklärt. Es gibt weniger Bedenkenträgerei, es werden keine Ängste geschürt und nicht alles schlechtgeredet.“

Zwar gebe es hierzulande viele Initiativen, die mitunter durch das KHZG gepusht werden, sagt Walker. „Doch Geld alleine hilft auch nicht.“ An vielen Stellen hapere es noch an der Umsetzung, eine umfassende Strategie und die Fixpunkte fehlten.

„Für eine ordentlich funktionierende Digitalisierung muss auf das KHZG ein Praxiszukunftsgesetz folgen“, fordert Claudia Dirks, freie Journalistin in der eHealth-Szene und ehemalige Sprecherin des Health Innovation Hubs (hih). Auch werde nicht zielgerichtet, sondern hektisch digitalisiert, ohne die konkreten Meilensteine zu fokussieren.

Patientenportale: Hunderte weitere Insellösungen

Ein Beispiel: die Patientenportale

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