Klinikreform

Schreyögg: Weitere Fehlanreize gleich mitadressieren

  • f&w
  • Titel
  • 23.12.2022

f&w

Ausgabe 1/2023

Seite 24

Jonas Schreyögg

Gesundheitsminister Karl Lauterbach hat die Pläne für seine große Krankenhausreform präsentiert. Nun braucht er neue Verbündete, um das DRG-System und die Krankenhausplanung umzukrempeln. Das Fachmagazin f&w hat für die Januar-Ausgabe die wichtigsten Stakeholder befragt, wie sie die Vorschläge der Reformkommission bewerten. 

Der Vorschlag enthält viele gute Ansätze, lobt Gesundheitsökonom Prof. Dr. Jonas Schreyögg. Allerdings existieren zahlreiche weitere Fehlanreize, die bei dem anstehenden Reformgesetz gleich mit adressiert werden sollten. 

  


"Die Stellungnahme schlägt eine Weiterentwicklung des Systems der Krankenhausvergütung vor und baut dabei unter anderem auf Grundideen für das Krankenhauszukunftsgesetz (KHSG), den Empfehlungen des Sachverständigenrates von 2018 und dem Stufenkonzept des Verbands der Universitätskliniken Deutschlands (VUD) von 2022 auf.

Im Kern wird eine Vorhaltepauschale als zusätzliche Vergütungskomponente vorgeschlagen, die nach Versorgungsstufen differenziert wird. Ziel der Vorhaltepauschale ist es, den Mengenanreiz zu senken. Der Vorschlag ist einfach und pragmatisch, da er auf der bisherigen Vergütungssystematik aufbaut. Eine Vergütung nach Versorgungsstufen wäre in der Gesetzgebungskompetenz des Bundes umzusetzen, analog zum Notfallstufenkonzept des G-BA. Eine Zustimmung der Länder ist dabei nicht erforderlich. Die Allokation der Vorhaltepauschalen wäre in der bisherigen Vergütungssystematik beim InEK angesiedelt. Ich sehe nicht, weshalb das BAS hier eine sachfremde Aufgabe übernehmen sollte, was auch die Umsetzung verkomplizieren und zeitlich verzögern könnte.

Weiterhin wird eine Differenzierung der Vorhaltepauschalen von 20 Prozent und 40 Prozent (ohne Pflegebudget) vorgeschlagen. Ich halte diese Differenzierung für sinnvoll. Leitgedanke einer solchen Differenzierung sollte sein, dass bestimmte Fachabteilungstypen beziehungsweise Fachabteilungen einen hohen Anteil an medizinischen (nicht rein administrativ kodierten) Notfällen aufweisen und somit deutlich stärker fragmentierte Prozesse haben, die in höhere Kosten münden. Darüber hinaus werden dort die Kapazitäten nicht gleichmäßig ausgelastet. Für diese Differenzierung sollten allerdings objektive Kriterien aus den Abrechnungsdaten festgelegt werden, die eine höhere Vorhaltepauschale rechtfertigen. Die rein normative Festlegung von Intensiv-, Notfallmedizin, Geburtshilfe und Neonatologie dürfte hier schnell dazu führen, dass andere Fachabteilungstypen auch eine höhere Vorhaltepauschale einfordern.

Ein weiterer innovativer Aspekt im Reformvorschlag ist die Bindung der Vergütung an Strukturvorgaben gemäß Leistungsgruppen. Über die Prüfung der Strukturmerkmale durch den MD wurde dieser Prozess bereits begonnen, aber umfasst bisher nur 53 medizinisch anspruchsvolle Komplexleistungen. Es erscheint sinnvoll, diese Anzahl deutlich auszuweiten und so eine Mindeststrukturqualität in der Krankenhausversorgung neben den existierenden PpUGs zu etablieren. Dieser Prozess dürfte allerdings, vor dem Hintergrund der bisherigen Erfahrungen mit der Definition von Strukturmerkmalen, einige Jahre in Anspruch nehmen.

Wichtig ist auch der Vorschlag, regionale Gesundheitszentren nach degressiven tagesgleichen Pflegesätzen zu vergüten, da im allgemeinmedizinisch-pflegerischen Kontext Diagnosen oftmals arbiträr sind und eine Zustands- oder Symptombeschreibung adäquater erscheint. Allerdings müsste der Bund zunächst beziehungsweise parallel gesetzgeberisch tätig werden, um regionale Gesundheitszentren mit Beobachtungsbetten (ohne Plankrankenhausstatus) zu ermöglichen.

Eine Umsetzung von Vorhaltepauschalen wäre ein wichtiger Schritt zur Weiterentwicklung der Krankenhausvergütung. Allerdings existieren zahlreiche weitere Fehlanreize, die seit Jahren bekannt sind und die bei dem anstehenden Reformgesetz gleich mit adressiert werden sollten. Dabei ist unter anderem die Verzerrung des Wettbewerbs durch zunehmend regional sehr unterschiedliche Kostenstrukturen zu nennen, die bisher nicht ausgeglichen werden. Auch verbleiben zahlreiche Probleme der Kalkulation, die dazu führen, dass die Relativgewichte nicht nur durch eine tatsächliche Kostenänderung über die Jahre variieren. Das setzt einen deutlichen Mengenanreiz, der weiterhin verbleibt.

Insgesamt wäre eine Vorhaltepauschale als zusätzliche Vergütungskomponente ein wichtiger Schritt zur Korrektur des Mengenanreizes. Die Kombination mit anderen Reformen, vor allem mit der Reform der Notfallversorgung und der Möglichkeit zur Schaffung regionaler Gesundheitszentren, wäre wichtig und würde die Wirkung verstärken."

  

Weitere Beiträge zum Thema aus der neuen f&w


Lauterbachs Klinikreform
Der Minister addressiert viele wichtige Fragen. Doch wird es ihm gelingen, genug Verbündete um sich zu scharen?
 

"Lauterbach muss Antworten liefern"
NRW-Gesundheitsminister Karl Laumann lehnt eine radikale Reform ab
 

"KHRG + KHSG = KHNG"
Johannes Wolff kommeniert aus Sicht des GKV-Spitzenverbandes
 

Keine Mitsprache durch die Hintertür
Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek pocht auf die Planungshoheit der Länder
 

"Ein riesen Schub für die Krankenhausplanung"
Kommissionsmitglied Christian Karagiannidis beantwortet die wichtigsten Fragen zur Krankenhausreform

Weitere Artikel dieser Ausgabe

f&w führen und wirtschaften im Krankenhaus

Die Fachzeitschrift für das Management im Krankenhaus

Erscheinungsweise: monatlich

Zeitschriftencover

Klinik-Newsletter

Abonnieren Sie unseren kostenlosen täglichen Klinik-Newsletter und erhalten Sie alle News bequem per E-Mail.

* Durch Angabe meiner E-Mail-Adresse und Anklicken des Buttons „Anmelden“ erkläre ich mich damit einverstanden, dass der Bibliomed-Verlag mir regelmäßig News aus der Gesundheitswirtschaft zusendet. Dieser Newsletter kann werbliche Informationen beinhalten. Die E-Mail-Adressen werden nicht an Dritte weitergegeben. Meine Einwilligung kann ich jederzeit per Mail an info@bibliomed.de gegenüber dem Bibliomed-Verlag widerrufen. 

Kontakt zum Kundenservice

Rufen Sie an: 0 56 61 / 73 44-0
Mo - Fr 08:00 bis 17:00 Uhr

Senden Sie uns eine E-Mail:
info@bibliomedmanager.de

Häufige Fragen und Antworten finden Sie im Hilfe-Bereich